Die Ordnungen der Liebe bezeichnen in der Arbeit des Familienstellens im Wesentlichen zwei Grundgesetze, die die Beziehungen in einer sozialen Gruppe, deren Ursprung die Familie ist, prägen. Sie spiegeln auch die Grundbedürfnisse von Menschen in Beziehungen wider. Das erste Grundgesetz lautet: Alle Mitglieder einer Familie haben das gleiche Recht auf Zugehörigkeit. Dazu gehört das Bedürfnis, anerkannt, gesehen, verstanden und geachtet bzw. gewürdigt zu werden. Das zweite Grundgesetz lautet: Ein Vorgänger hat Vorrang vor einem Nachfolger. Diese beiden Gesetze stehen in engem Zusammenhang mit dem menschlichen Bedürfnis nach Orientierung innerhalb von Beziehungen und innerhalb der Gesellschaft. In diese beiden Grundgesetze der Ordnungen der Liebe reiht sich auch das Bedürfnis nach einem ständigen Ausgleich von Geben und Nehmen ein. Bevor in der Zusammenfassung das Zusammenspiel dieser Ordnungen der Liebe in ihren unterschiedlichen Ausprägungen beschrieben wird, werden hier zunächst die beiden zuvor erwähnten Grundgesetze einzeln erläutert. 

Das Recht auf Zugehörigkeit – Das eine Grundgesetz lautet: Alle Mitglieder einer Familie haben das gleiche Recht auf Zugehörigkeit. Dadurch entwickeln alle Mitglieder das Bedürfnis, miteinander verbunden zu sein und dazuzugehören. So wird es von der Gemeinschaft nicht toleriert, zumindest unbewusst, wenn ein Mitglied oder mehrere Mitglieder der Familie ausgeschlossen werden. Wenn es doch zu einem solchen Ausschluss kommt, wird ein Nachfolger den Ausgeschlossenen vertreten, um die ursprüngliche Vollständigkeit wieder herzustellen. Aus dem gleichen Recht auf Zugehörigkeit für alle Mitglieder einer Familie bzw. einer sozialen Gruppe folgt, dass der Ausschluss einzelner oder mehrerer Personen eine Verletzung der Ordnung darstellt. Dazu gehört beispielsweise auch schon, wenn man sich für jemanden schämt, weil er vielleicht behindert ist. Durch das sich schämen, wird der Behinderte ausgeschlossen. Ein Ausschluss findet auch statt, wenn beispielsweise in einer Schulklasse ein Schüler ständig dafür gehänselt wird, weil er überdurchschnittlich groß ist. Dies hat der berühmte deutsche Basketballspieler Dirk Nowitzki erzählt. Bevor er seine Größe als Vorteil nutzen konnte, wurde sie ihm zum Nachteil, weil er gehänselt und somit aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurde. Aufgrund seiner Größe und des besonderen Talents im Basketballspiel, ist er später nach Amerika ausgewandert. Dort wurde er ein gefeierter Champion, und sein Schicksal hat einen überdurchschnittlich positiven Verlauf genommen. Dennoch kann sein Weggang aus Deutschland auch unbewusst ein Folgen dem Ruf der Seele gewesen sein, die sich ausgeschlossen gefühlt hat, um in Amerika ihr Bedürfnis nach Zugehörigkeit auf andere Weise stillen zu können. 

Es gibt unterschiedliche Situationen, bei denen es zu einem solchen Ausschluss kommt. Der unnatürliche Tod wie das Fallen im Krieg, das frühzeitige Sterben durch Krankheit, das Sterben bei einem Mord oder bei einem Unfall, wie auch das einfache nicht eingeladen werden zu einem Familienfest, sind Beispiele für einen erlittenen Ausschluss. Auch die Problematik der abgetriebenen oder abgegangenen Kinder, das Nichtbeachten früherer Lebenspartner oder der Hass auf einen neuen Lebenspartner der geschiedenen Frau sind Beispiele, die zu der Thematik des Ausschlusses gehören. 

Allgemein gilt, dass der Ausgeschlossene später durch einen Anderen, meistens aus einer nachfolgenden Generation, vertreten und somit wieder in die Gemeinschaft der Familie aufgenommen wird, was das kollektive Gewissen bewirkt. (siehe Kap. „Das kollektive Gewissen“) Das kollektive Gewissen möchte die ursprüngliche Vollständigkeit erhalten oder wieder herstellen. Dann wird das Schicksal des Ausgeschlossenen von dem Nachfolgenden unbewusst wiederholt und erneut durchlebt. Dazu bedient sich das kollektive Gewissen dem Prinzip der Sühne, also dem Ausgleich von Unrecht mit Unrecht, um für Ausgleich und Gerechtigkeit im kollektiven Sinne sorgen. Ein nachfolgendes Familienmitglied wird also in die Verantwortung genommen. Dies wird dann als Verstrickung bezeichnet, die das kollektive Gewissen bewirkt. (siehe Kap. „Das kollektive Gewissen“) Es ist so, als müssten die Nachfolgenden, die in der Rangordnung die Kleineren sind, für das Unrecht einstehen, was den Vorgängern, also den Größeren, widerfahren ist. Die Nachfolgenden tragen also unbewusst eine Schuld und sühnen für etwas, was sie nicht kennen und nicht verursacht haben. Sie sind in der Tat unschuldig und erleben dennoch Schuld, ohne sich der Herkunft dieser Schuld bewusst zu sein. Hierbei kommen auch schon das andere, nachfolgend beschriebene Grundgesetz der Ordnungen der Liebe bzgl. der Rangordnung, wie auch der Einfluss des kollektiven Gewissens, das an anderer Stelle genauer betrachtet wird, mit ins Blickfeld.

Im Bezug auf das Schicksal dieses Anderen, der unfreiwillig als Stellvertreter fungiert und damit der Kollektive dient, gibt es eine interessante Parallele aus der Rechtswissenschaft. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass das folgende Beispiel ebenso zur Erläuterung der Wirkung des kollektiven Gewissens herangezogen werden könnte. Wie schon eingangs erwähnt, wirken die Ordnungen der Liebe und die unterschiedlichen Arten des Gewissens immer wechselseitig und können nie vollkommen isoliert betrachtet werden. So kann beispielsweise der Staat im Dienste des Gemeinwohls durch Zwangsvollstreckung das Grundstück einer Privatperson enteignen. Damit erfährt der privatrechtlich Berechtigte über die Sache (das Grundstück) ein relatives Veräußerungsverbot (§ 136 des Bürgerlichen Gesetzbuches, BGB). Dem Besitzer des Grundstücks wird also das Recht entzogen, über seine Sache frei zu verfügen. Auch wenn er Teil des Staates, also der Gemeinschaft ist, erfährt er diesen Akt der Enteignung als Unrecht und muss sich diesem beugen. Er ist also machtlos in Bezug auf diesen Übergriff seitens der übergeordneten Macht, deren er ja ein Teil ist. Ähnlich verhält es sich mit Verstrickungen innerhalb einer Familie bzw. Sippe. So muss sich derjenige Nachfolger, der als Stellvertreter einen Vorgänger unbewusst vertritt, der Tatsache beugen, dessen Schicksal zu übernehmen und somit zumindest teilweise seine freie Selbstbestimmung zu verlieren. Sein persönliches Wohl wird vom kollektiven Gewissen als nachrangig erachtet und dem Wohl der Gemeinschaft geopfert. Ähnlich wie in der Rechtswissenschaft verhält es sich auch mit der Auflösung der Verstrickung, also der Entstrickung, im Beziehungsgeflecht einer Familie, das mithilfe von Familienaufstellungen wieder in seine ursprüngliche Ordnung gebracht werden kann. So wie in der Rechtswissenschaft die Auflösung einer Verstrickung, nur durch einen gleichartigen und gleichrangigen Akt gelöst werden kann, wird eine Auflösung einer auf Ausschluss beruhenden Verstrickung innerhalb einer Familie nur dadurch erreicht, dass die Ausschließenden zunächst ihren Akt des Ausschlusses als solchen erkennen. Darüber hinaus werden die Ausgeschlossenen als Zugehörige geachtet und ihr Platz innerhalb der Familie wird anerkannt. Den Ausgeschlossenen wird auf diese Weise mit Respekt und Liebe begegnet, wodurch ihre Zugehörigkeit zur Familie explizit bestätigt wird und sie auch am Austausch von Liebe innerhalb der Familie wieder mit beteiligt sind.

Die Rangordnung innerhalb eines Familiensystems – ist durch folgendes „Grundgesetz“ gegeben: Innerhalb einer Familie hat ein Vorgänger Vorrang vor einem Nachfolger. Dies bedeutet, dass jedes Mitglied der Familie einen ihm zugewiesenen Platz einnimmt, der durch diese Ordnung vorgegeben und für immer festgelegt ist. So sind die Eltern gegenüber den Kindern die Großen und haben Vorrang, während die Kinder unabhängig von ihrem Alter oder von ihrer Körpergröße die Kleinen und somit nachrangig bleiben. Auch hat ein Erstgeborener Vorrang vor einem Zweitgeborenen und der Zweitgeborene wiederum vor einem Drittgeborenen usw. Anders verhält es sich allerdings bei der Neugründung einer Familie. Wenn ein Mensch heiratet und eine eigene Familie gründet, hat diese Vorrang vor seiner Ursprungsfamilie. Das gilt auch dann, wenn ein Ehepartner eine Beziehung mit einem anderen Partner eingeht, aus der Kinder entstehen. Dann entsteht ein neues Feld der Liebe, was Vorrang hat vor dem Feld der Liebe, dem der zuvor verheiratete Partner angehört hat. 

Derjenige, der die Rangordnung innerhalb eines Familiensystems verletzt, weil er sich über jemanden erhebt, hat selber das unbewusste Bedürfnis nach Sühne. Er versucht dann durch eigenes Scheitern, Krankheit oder auch Tod, d. h. also durch erfahrenes Schicksal, seine Sünde wieder auszugleichen. Die Verletzung der Rangordnung innerhalb eines Familiensystems führt demnach zu Verstrickungen. Wenn sich beispielsweise ein Kind über einen Elternteil erhebt, weil es sich durch beruflichen Erfolg größer fühlt als der Elternteil, dann wird die Rangordnung verletzt. Das kollektive Gewissen wird dafür sorgen, dass diese Schuld auf andere Weise gesühnt wird. Wie oben beschrieben, kommt es in der Folge dann zu Misserfolg, Krankheit oder vorzeitigem Tod. 

Tragisch kann es werden, wenn eine Verletzung der Rangordnung aus gutem Gewissen geschieht. Wenn z. B. ein Kind einen Elternteil retten möchte, indem es versucht, dem das  Schicksal des Elternteils abzuwenden, dann geschieht dies aus tiefer Liebe zu dem Elternteil und mit gutem persönlichen Gewissen. Das Kind sagt dabei innerlich und unbewusst: „Ich für Dich“ oder „Ich sterbe an Deiner Stelle“. Es glaubt also, größer zu sein als sein Elternteil und verstößt damit gegen die Rangordnung innerhalb der Familie. Das kollektive Gewissen reagiert darauf jedoch völlig amoralisch und ohne Gnade und wird dafür sorgen, dass diese Verletzung der Rangordnung einen Ausgleich findet. Ein solches Gefangensein in den Auswirkungen der gegensätzlich wirkenden Gewissen ist eine Verstrickung. 

Im Bezug auf die Wiederherstellung der ursprünglichen Rangordnung muss derjenige, der sich über einen Anderen erhoben hat, der innerhalb der Rangordnung Vorrang hat, in einem Akt ehrlicher Demut die Verletzung der Rangordnung und hernach seine nachrangige Position erkennen und wieder einnehmen und dem Vorrangigen dessen Platz wieder einräumen. In einem ausdrücklichen Akt der Demut, nimmt er bewusst den Platz und den Rang des Kleineren ein und überlässt dem Größeren dessen Rang und Platz. 

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