Bei der Arbeit mit dem Familienstellen spielt das Gewissen eine zentrale Rolle. Dabei werden drei Arten von Gewissen unterschieden: das persönliche Gewissen, das kollektive Gewissen und das geistige bzw. spirituelle Gewissen. Die unterschiedlichen Arten des Gewissens werden hier einzeln erläutert und anhand von Beispielen und persönlichen Erfahrungen des Kandidaten verdeutlicht. Darüber hinaus wird beschrieben, in welcher Weise die unterschiedlichen Gewissen zusammenwirken oder miteinander in Konflikt stehen. Außerdem wird erläutert, inwieweit die unterschiedlichen Arten des Gewissens in der Aufstellungsarbeit eine Rolle spielen. 

Zunächst wird aber der Begriff „Gewissen“ betrachtet. Das Gewissen ist, vereinfacht gesagt, ein Sinn oder eine moralische Instanz, die auf der Grundlage einer bewussten oder unbewussten Ordnung darüber wacht, ob der Einzelne oder die Gruppe sich konform zu jener Ordnung verhält. Bei der Ordnung handelt es sich um bestimmte Regeln. Diese Regeln gelten entweder, weil der Einzelne oder die Gruppe diese bewusst für sich annimmt. Andererseits kann man auch unbewusst und/oder auf unfreiwillige Weise einem Regelwerk unterworfen werden, beispielsweise durch das Hineingeboren werden in eine Familie oder eine Nation. Die Regeln selbst können entweder bewusst sein, wie beispielsweise eine öffentliche Gesetzgebung, oder es kann ein unbewusstes Regelwerk bestehen, wie beispielsweise die Rangordnung innerhalb einer Familie. (vgl. Kapitel „Die Ordnungen der Liebe“) Die Unterscheidung zwischen einem Einzelnen und einer Gruppe mit Bezug auf das Gewissen wird hier getroffen, weil zum Einen das Tun, Denken, Fühlen des Einzelnen in Bezug auf eine Gruppe von Bedeutung ist und andererseits, weil das Gewissen auch im Verhalten einer Gruppe im Bezug auf eine andere Gruppe eine wichtige Rolle spielt. In weiteren Verlauf der Abhandlung über die unterschiedlichen Arten des Gewissens, wird näher auf die Unterscheidung zwischen dem Einzelnen und der Gruppe eingegangen. Es soll an dieser Stelle nur vorweggenommen werden, dass es sich im Falle des individuellen Gewissens nicht zwangsläufig um eine einzelne Person handeln muss, ebenso wenig, wie das kollektive Gewissen immer nur eine Gruppe betrifft. So kann auch eine Gruppe einer anderen Gruppe gegenüber ein individuelles Gewissen haben, dass die gesamte Gruppe als Einheit betrifft, wenn z.B. eine Fußballmannschaft, also eine Gruppe von Spielern, im Verhalten anderen Mannschaften oder dem Fußballverband gegenüber, durch grobe Unsportlichkeit das Recht auf die Zugehörigkeit zum Verband gefährdet. Von wesentlich größerer Bedeutung ist jedoch das kollektive Gewissen, das einerseits große Auswirkungen für alle Mitglieder einer Gruppe hat, aber auch ganz konkrete Auswirkungen auf eine einzelne Person aus dieser Gruppe haben kann, die dann nur diese Person betreffen. Diese Aspekte werden nachfolgend beleuchtet.

Bevor im weiteren Verlauf die umfangreichen und speziellen Auswirkungen des Gewissens in Familien und im Familienstellen erörtert werden, sollen zunächst die Voraussetzungen für die Entstehung und das Wirken des Gewissens verdeutlicht werden. Dabei ist eine wesentliche Voraussetzung, dass ein Regelwerk oder eine Ordnung existiert, zu dem das Tun, Denken, Fühlen in Bezug gesetzt wird. Solange keine festgelegte Ordnung besteht, z. B. durch das Erlassen bestimmter Gesetze und/oder keine Gültigkeit hat und das Tun, Denken, Fühlen daher nicht an dieser Ordnung gemessen wird, tritt das Gewissen nicht in Kraft und hat keine Wirkung. Schon der Apostel Paulus sagt in seinem Brief an die Römer (Zitat): „Denn ohne das Gesetz wusste ich nichts von der Macht der Sünde in mir. Früher haben wir ohne das Gesetz gelebt. Erst seit wir das Gesetz mit seinen Geboten kennen, wurde auch die Sünde in uns lebendig.“[1] Damit bringt der Apostel zum Ausdruck, dass das Gesetz Gottes die Voraussetzung dafür war, dass ein Gewissen im biblischen Sinne entstehen konnte. Der Begriff „Sünde“ bezeichnet hierbei ein Verhalten, dass nicht mit dem Gesetz Gottes konform ist. Die erwähnte Bibelstelle dient hierbei als klassisches Beispiel zur Verdeutlichung einer der Grundvoraussetzungen für die Entstehung eines Gewissens. So war die Einführung des Gesetzes Gottes die Schaffung eines moralischen Maßstabes und folglich Voraussetzung dafür, sündigen und demnach ein schlechtes Gewissen haben, also sich vor Gott schuldig fühlen zu können. Andererseits führt das mit dem Gesetz Gottes konforme Tun, Denken, Fühlen zu einem guten Gewissen, was aus der Gewissheit entsteht, zu Gottes Reich dazuzugehören. Das Tun, Denken, Fühlen wird also am Gesetz Gottes gemessen, und bei Zuwiderhandlung wird man sündig im biblischen Sinne und hat ein schlechtes Gewissen, d. h. Angst, von Gott verstoßen oder von der Verheißung des Himmelreichs ausgeschlossen zu werden. Hierbei muss natürlich eine weitere Voraussetzung gegeben sein, nämlich dass ein Mensch gläubig ist und Gottes Gesetze für sich als gültig akzeptiert. Er muss also der Ordnung, die durch das Gesetz Gottes vorgegeben ist, unterworfen sein. Das Fundament des Gewissens im Allgemeinen ist demnach zum einen eine durch bestimmte Regeln und Gesetze vorgegebene Ordnung und zum Anderen das dieser Ordnung untergeordnet Sein, wodurch das Tun, Denken, Fühlen an der Ordnung gemessen wird. 

An dieser Stelle wird bereits auf einen Zusammenhang hingewiesen, der für die weitere Unterscheidung der unterschiedlichen Arten von Gewissen eine große Bedeutung hat, nämlich die Verbindung zwischen dem Gewissen und einem daran gekoppelten Gefühl sowie die damit verbundene Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Die Erwähnung dieses Zusammenhangs nimmt eine Eigenschaft des persönlichen Gewissens vorweg, das nachfolgend beschrieben wird, die aber dennoch in dieser allgemeinen Betrachtung des Gewissens bewusst mit angeführt werden soll, da sie im allgemeinen Sprachgebrauch nahezu untrennbar an den Begriff „Gewissen“ gekoppelt ist. Genau darin liegt aber unter anderem eine der wesentlichen Erkenntnisse Bert Hellingers, der mit dem Familienstellen veranschaulicht hat, welche fatalen Konsequenzen ein Tun, Denken, Fühlen aus gutem Gewissen heraus für die Beteiligten haben kann und welche Lösungsmöglichkeiten sich andererseits bieten, wenn man versucht, menschliches Verhalten losgelöst von der Unterscheidung zwischen gut und böse zu betrachten.

Zur Verdeutlichung der Entstehung und Wirkungsweise des Gewissens aus dem täglichen Leben, soll ein einfaches Beispiel für das bewusste Annehmen eines bewussten Regelwerkes dienen. Es entsteht aus der Entscheidung, am öffentlichen Straßenverkehr teilnehmen und ein Verkehrsmittel bewegen zu wollen. Wer das möchte, muss, so regelt es die öffentliche Gesetzgebung, der man allerdings durch das Hineingeborensein in eine Gesellschaft unfreiwillig unterworfen wurde, einen Führerschein machen. Das bedeutet, dass man bewusst entscheidet, ein bewusstes und in diesem Fall erlerntes Regelwerk zu akzeptieren und für sich anzunehmen, bzw. sich diesem unterzuordnen. Das Gewissen, was ja eine Art Sinn ist, der über die Einhaltung einer gegebenen Ordnung wacht, sorgt dafür, dass sich der Verkehrsteilnehmer zu den Regeln konform verhält. Damit ein Gewissen also in Kraft treten kann, muss eine Ordnung durch Regeln gegeben sein, und ein Einzelner oder eine Gruppe müssen dieser Ordnung unterworfen sein, damit ein Gewissen seine Wirkung entfalten kann. 

In Rahmen des Familienstellens kommen diese Zusammenhänge in ähnlicher Weise zum Tragen. Jeder Mensch gehört zu mindestens einer Familie, in die er hineingeboren wird. Vom ersten Moment an, also mit Eintreten in eine Familie, ist ein neues Familienmitglied automatisch einer gegebenen Ordnung unterworfen. (siehe Kap. „Die Ordnungen der Liebe“) Das Gewissen wacht fortan zum Teil bewusst, zum Teil unbewusst, über die Einhaltung der Gesetze und Regeln, die diese Ordnung ausmachen. Die Art der Wirkung und die unterschiedlichen Arten von Gewissen werden in den nachfolgenden Kapiteln beschrieben. 

Das persönliche Gewissen – ist für uns Menschen leicht identifizierbar, weil es mit einer Empfindung, bzw. mit einem Gefühl gekoppelt ist, was beim kollektiven oder spirituellen Gewissen nicht oder zumindest nicht unmittelbar der Fall ist. Das persönliche Gewissen ist wie ein Sinn der darüber wacht, dass wir mit bestimmten Menschen, bzw. mit einer Gruppe in Verbindung bleiben, mit denen oder der wir in Verbindung bleiben möchten oder müssen. Insofern ist das persönliche Wissen auch ein Zugehörigkeitsindikator. 

Im allgemeinen Sprachgebrauch unterscheidet man zwischen dem guten und dem schlechten Gewissen. Wenn die Zugehörigkeit in Gefahr ist, weil wir uns durch unser Denken, Fühlen, Tun wegbewegen oder trennen, reagiert das Gewissen mit Angst, was wir als schlechtes Gewissen empfinden. Umgekehrt verhält es sich mit dem guten Gewissen. Verhalten wir uns entsprechend der Regeln und Gesetze, die die Ordnung ausmachen, wird unser Gewissen für ein gutes Gefühl sorgen, das aus der Gewissheit entsteht, zu der Gruppe dazuzugehören. Die gesicherte Zugehörigkeit fühlt sich wohltuend und Schutz gebend gut an, und wir fühlen sie als das gute Gewissen. Das persönliche Gewissen bindet uns an bestimmte Menschen oder Gruppen bzw. schließt andere aus und ist insofern ein enges Gewissen, weil es sich bei der Unterscheidung zwischen gutem und schlechtem Gewissen um einen dualen Begriff handelt, der eine Bewertung zwischen gut und böse zugrunde liegt. Diese kann zum Ausschluss von Anderen führen. Was unsere Zugehörigkeit sichert, erfahren wir dann als gut. Es fehlt uns aber die Distanz, die nötig wäre, um zu unterscheiden, ob es wirklich gut ist oder für uns und andere evt. sogar schlimm ist. So sind Menschen auf der Grundlage des guten Gewissens zu Handlungen fähig, die sehr negative Auswirkungen haben können. Solche Zusammenhänge werden im Familienstellen deutlich. Beispielsweise ist die Verbindung mit der eigenen Familie und insbesondere mit der Mutter für ein Kind überlebenswichtig. Das Bedürfnis des Kindes, die Verbindung mit der Mutter aufrecht zu erhalten, ist schon biologisch bedingt, ein essenzielle Bedürfnis. Für alles, was diesem Bedürfnis nachkommt, empfindet das Kind ein gutes Gewissen. Sollte die Mutter jedoch beispielsweise sterben, wird das Kind sehr leicht entscheiden, der Mutter in den Tod folgen zu wollen. Dieses Kind wird sich mit dieser Entscheidung dennoch gut fühlen und ein gutes Gewissen haben. 

Ein anderes Beispiel für das Handeln aus positivem Gewissen sind Kriege. Wenn Menschen ihren religiösen Glauben verteidigen und dafür andere Menschen töten, handeln sie mit einem guten, persönlichen Gewissen. Das Gewissen ist der Grundstein für alle Konflikte, da beide Konfliktparteien jeweils mit gutem Gewissen handeln. Das persönliche Gewissen wird also nur als gut gefühlt und ist daher höchst subjektiv. Das wirklich Gute ist jenseits des Gewissens angesiedelt. (siehe Kapitel „Das spirituelle Gewissen“) Auch das Böse wird gefühlt und zwar stärker als das Gute. Es manifestiert sich als Angst, die Zugehörigkeit zu unserer Gruppe und damit genau genommen das Recht, in der Gruppe zu leben, verloren zu haben. Die Unterscheidung des persönlichen Gewissens von gut und böse dient von daher dem Überleben des Einzelnen in seiner Gruppe. Es führt zum Beurteilen und Bewerten, zum schuldig bzw. unschuldig Sprechen sowie zum Einschließen und Ausschließen von Personen und Handlungen, die an dem Maßstab einer zugrunde liegenden Ordnung, die das Leben in der Gruppe regelt, gemessen werden. Das Gewissen ist dabei sehr instabil und erfordert ständig Neues. Es ist angetrieben von dem Bedürfnis nach Unschuld, was jedoch letztlich nie ganz befriedigt werden kann. Ein Kind steht den Eltern gegenüber immer in der Schuld. Es wird das Geschenk des Lebens niemals ausgleichen können. Insofern wird der Versuch der Kinder, den Eltern das zurückzugeben, was sie von ihnen empfangen haben immer scheitern. Erst wenn die Kinder selber Kinder bekommen und die Eltern dann ihre Enkelkinder haben, fließt die Liebe zu den Eltern zurück. 

Wer immer ein gutes Gewissen haben will, bleibt in seinem Herzen Kind, während der Erwachsene auch sündigt. Er geht über das gute Gewissen hinaus, indem er Andere, die er vorher abgelehnt hat, jetzt mit einbezieht in seine Liebe. Der wirkliche Frieden ist daher jenseits des guten Gewissens. Ein Kind hingegen wird ständig versucht sein, ein gutes Gefühl zu haben. Aber das gute Gefühl in Bezug auf die Nähe zur Mutter beispielsweise erfordert bereits ein anderes Verhalten, als das gute Gefühl in Bezug auf die Nähe zum Vater. Die Entspannung, die sich einstellt, wenn die gesicherte Zugehörigkeit ein gutes Gefühl macht, ist nur von kurzer Dauer. Irgendwo bleibt man in dieser Bewegung immer schuldig und das Beurteilen, Bewerten, Ein- und Ausschließen eine fortwährende Bewegung. Diese ist jedoch zutiefst menschlich und natürlich, weil sie der pulsierenden Grundbewegung des Herzens entspricht, das auch fortlaufend ein- und ausschließt. 

Im Bezug auf das Beispiel eines Verkehrsteilnehmers, der die Verkehrsregeln beachten und seine Fahrerlaubnis nicht gefährden möchte, wacht das Gewissen im Regelfall darüber, ob er im Verkehr gegen eine oder mehrere der Regeln, also gegen die Ordnung verstößt, beispielsweise weil er schneller als die erlaubte Höchstgeschwindigkeit und/oder über eine rote Ampel fährt. Er weiß in dem Moment, dass er gegen das Regelwerk verstoßen hat und bekommt ein Schuldgefühl und Angst, durch Fahrverbot aus der Gemeinschaft der Verkehrsteilnehmer ausgeschlossen zu werden. Sollte er den Regelverstoß nicht bewusst gemacht, d. h. nicht gemerkt haben, zu schnell und über eine rote Ampel gefahren zu sein, hat er zunächst kein Schuldgefühl, aber bekommt es wahrscheinlich dann, wenn er eventuell mittels eines Bußgeldbescheides an sein Fehlverhalten erinnert und dafür bestraft wird. Sollte der Verkehrsteilnehmer nicht gewissenhaft sein, würde er sich zwar im Falle des Regelverstoßes oder bei Eintreffen eines Bußgeldbescheides wahrscheinlich nicht schuldig fühlen. Dennoch bleibt er, solange er ein Fahrzeug bewegen möchte, dem Regelwerk, bzw. der Ordnung unterworfen. Bei Verstößen gegen diese Ordnung muss er damit rechnen, eventuell seine Fahrerlaubnis zu verlieren, bei gesetzestreuem Fahrverhalten hingegen kann er sich der Fahrerlaubnis und somit der Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft der Verkehrsteilnehmer sicher sein.

Wie bereits zuvor erwähnt, verhält es sich mit dem persönlichen Gewissen in Bezug auf die Zugehörigkeit zur eigenen Familie sehr ähnlich. (vgl. Kapitel „Die Ordnungen der Liebe“) Das persönliche Gewissen wacht darüber, dass das Tun, Denken, Fühlen nicht die Zugehörigkeit zur eigenen Familie gefährdet oder in Gefahr bringt. Das an das persönliche Gewissen gekoppelte Gefühl ist hierbei ein Indikator dafür. Dazu möchte ich auch ein persönliches Beispiel anführen: In meiner Familie wird traditionell das Weihnachtsfest mit einem Weihnachtsbaum, Geschenken, üppigem Essen usw. gefeiert, und in der Vergangenheit waren alle Familienmitglieder meiner Ursprungsfamilie anwesend, also meine beiden Eltern, meine beiden Geschwister und ich. Das Weihnachtsfest war für meine Familie ein festes Ritual und somit eine Regel, die unser Familienleben mit beeinflusst hat. Besonders mein Vater hat auf das rituelle Einhalten dieses Festes immer sehr großen Wert gelegt. Nachdem ich von zuhause ausgezogen war und mich intensiver mit dem christlichen Glauben beschäftigt habe, kam ich zu der Überzeugung, dass das Feiern von Weihnachten einer biblischen Grundlage entbehrt. Daraufhin beschloss ich, an den traditionellen Weihnachtsfeiern in unserer Familie nicht mehr teilzunehmen. Meine Eltern haben darauf sehr erstaunt reagiert und sagten mir, dass ich doch zur Familie dazugehöre und auch Weihnachten dabei sein sollte. Ich selber hatte dann während der Weihnachtstage kein gutes Gefühl, weil ich merkte, mich ausgeschlossen zu fühlen, wofür ich ja selber verantwortlich war. Mein schlechtes Gewissen hat mir also angezeigt, die Zugehörigkeit zu meiner Familie verletzt zu haben. Meine Eltern haben ihrerseits auch die Einhaltung der familiären Ordnung, also der Zugehörigkeit zur Familie eingefordert, weil auch sie in ihrem Gewissen die Wirkung der verletzten Ordnung gespürt haben. Beim Familienstellen kann sich eine solche Verletzung der familiären Ordnung sehr leicht zeigen. Bei Betrachtung des Verhältnisses von meinen Eltern und mir, würde sich der Stellvertreter für mich dann vielleicht von den anderen Stellvertretern meiner Familienangehörigen abgewendet haben und alleine da stehen, während die anderen Stellvertreter beieinander stehen würden. Der Fluss der Liebe wäre dann deutlich gestört. Eine Intervention könnte sein, indem mein Stellvertreter zu dem Stellvertreter meines Vaters sagen würde: „Ich achte Dich.“ Wahrscheinlich wäre der Stellvertreter für mich dann geneigt, sich auf die anderen Stellvertreter der Familie zuzubewegen. Damit käme die Liebe innerhalb der Familie wieder in den Fluss. Es ist zu beachten, dass an dieser Stelle eine Aufstellung und eine entsprechende Intervention natürlich nur sehr vereinfacht dargstellt werden können.

Beim Familienstellen sind die Zusammenhänge jedoch oft vielschichtiger. Das Gewissen wirkt in verschiedener Weise manchmal sehr komplex. In dem Zusammenhang aus meinem persönlichen Beispiel könnte es sein, dass das Gewissen in Bezug auf die Zugehörigkeit zur eigenen Familie mit dem Gewissen in Bezug auf die Zugehörigkeit zur bibeltreuen Christengemeinde in Konflikt gerät. Die Konsequenz könnte sein, dass ich mich sogar guten Gewissens von meiner Familie abwende, weil ich ein gutes Gefühl hätte, zur Gemeinschaft der bibeltreuen Christen dazuzugehören. Andererseits wäre es denkbar, dass ich dem bibeltreuen Glauben entsage, um die Zugehörigkeit zu meiner Familie nicht zu verlieren. Die Frage könnte lauten: Was ist denn das richtige Verhalten? Bleibe ich ein Kind und feiere Weihnachten mit meiner Familie, oder bin ich erwachsen und konsequent in meinen Überzeugungen, auch wenn mein Verhalten gegen die Regeln der eigenen Familie verstößt?

In Bezug auf das Verhältnis zu den Eltern hat schon Gott in der Bibel folgende Ordnung festgelegt: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat, auf daß du lange lebest und daß dir’s wohl gehe in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.[2]

Beim Familienstellen lässt sich mit gutem Gewissen gerechtfertigtes Verhalten relativ meistens leicht entlarven, wie ein weiteres Beispiel verdeutlichen soll. Eine Klientin (K) möchte eine Familienaufstellung machen, weil sie Schwierigkeiten mit den eigenen Kindern hat. Ihr Sohn hat große Probleme in der Schule, ihre Tochter nimmt öfters Drogen. Der Aufstellungsleiter lässt sie eine Stellvertreterin für sich (K), eine Stellvertreterin für ihre Mutter (M) und zwei Stellvertreter für ihre Kinder (K1, K2) aufstellen. Man sieht sofort, dass die Stellvertreterin der Mutter (M) fest auf den Boden starrt. In einer Familienaufstellung bedeutet dies, so hat es Bert Hellinger in vielen Aufstellungen zigfach empirisch belegt und wird hier als gegebene Tatsache angenommen, dass die Person, die auf den Boden starrt, an einen Toten gebunden ist. Der Aufstellungsleiter entscheidet aufgrund seiner Wahrnehmung, in diesem Fall eine Frau als Stellvertreterin für die frühzeitig verstorbene Großmutter der Klientin (GM) auszusuchen (diese Tatsache hat die Klientin auf Nachfrage hin erzählt) und sich diese vor der Mutter (M) auf den Boden legen zu lassen. Die Stellvertreterin der Mutter (M) ist daraufhin sehr bewegt, fängt an zu weinen und legt ihren Kopf auf die Brust der Stellvertreterin der Großmutter (GM). Der Aufstellungsleiter bringt nach einer gewissen Zeit mit einem von ihm wahrgenommenen Satz die Grundbewegung der Mutter (M) zum Ausdruck und lässt diesen von der Stellvertreterin aussprechen. Der Satz lautet: „Ich folge Dir nach.“ Die Stellvertreterin der Mutter (M) muss bei diesem Satz noch sehr viel stärker weinen. Anhand ihrer Reaktion wird deutlich, dass dieser Satz eine Verstrickung aufgedeckt hat. Eine Frau (M) will der eigenen Mutter (GM) mit gutem Gewissen in den Tod folgen. Ihr gutes Gewissen entsteht aus dem guten Gefühl, mit der Nachfolge in den Tod der eigenen Mutter, die Zugehörigkeit zu dieser aufrecht zu erhalten. Gleichzeitig steht die Stellvertreterin der Klientin (K) in relativ großem Abstand hinter der Stellvertreterin der Mutter. Auch sie hat bei dem Satz „Ich folge Dir nach.“ eine Resonanz in sich wahrgenommen und ein Gefühl dafür entwickelt, dass der Satz auch mit ihr und somit also mit der Klientin (K) etwas zu tun hat. Die Stellvertreter der Kinder (K1, K2) stehen weit ab, alleine und von ihrer Mutter getrennt da und haben keine sichtbare Verbindung mit ihrer Mutter. K1 hat dabei geballte Fäuste, was anzeigt, dass das Kind Wut in sich hat. K2 wirkt vollkommen teilnahmslos, man könnte auch sagen leblos. 

Die Aufstellung zeigt, dass die Mutter der Klientin in großer Liebe ihrer eigenen Mutter (GM) in den Tod folgt und dadurch ihrer Tochter (K) nicht die zum Leben erforderliche Liebe mitgeben kann. Zwischen der Klientin und ihrer Mutter besteht keine liebevolle Beziehung. Die Klientin (K) wiederum kann dadurch ihren Kindern auch nicht die ausreichende Liebe und Zuwendung schenken. Als sie selber Kind war, wurde ihr Bedürfnis nach Nähe und Liebe nie ausreichend gestillt, weil die Mutter frühzeitig starb, sodass sie emotional immer irgendwo Kind geblieben ist, das noch unbewusst versucht, sein Grundbedürfnis nach Nähe und Liebe von der eigenen Mutter zu stillen. Dieser Tatsache ist sie sich lange Zeit nicht bewusst, sondern es wird ihr, wenn überhaupt, erst viel später im Leben beispielsweise im Rahmen dieser Familienaufstellung klar. Sie ist also Mutter geworden und gleichzeitig Kind geblieben. Auch ihrer eigenen Mutter (M) ging das ähnlich, sodass sich hier ein Schicksal wiederholt. Beide Frauen bleiben aus gutem Gewissen emotional Kind und vernachlässigen die eigenen Kinder. Die Wiederholung ist ein typisches Merkmal eines Verhaltens, dass aus gutem Gewissen entsteht. In der Familienaufstellung kann der Klientin (K) dieser Zusammenhang bewusst werden. Um eine Lösung zu finden, könnte der Aufstellungsleiter die Stellvertreterin der Mutter (M) zur Stellvertreterin der Großmutter (GM) beispielsweise sagen lassen:„Mama, Du fehlst mir sehr, und ich habe Dich immer sehr vermisst. Ich weiß, dass Du mich sehr lieb gehabt hast und noch immer lieb hast, wie auch ich Dich immer sehr lieb habe. Ein Teil von Dir lebt in meinem Herz weiter, und ich gebe Deine Liebe jetzt auch an meine Tochter (K), also an Deine Enkeltochter weiter. Ich bin noch eine Weile hier, weil ich hier noch viel zu tun habe und gebraucht werde. Alles was Du mir gegeben hast, war genau richtig für mich, und ich halte es in Ehren. Und das, was Du mir nicht geben konntest, daran kann ich wachsen. Bitte schaue freundlich auf mich.“ Die Stellvertreterin der Mutter weint dabei stark, während die Stellvertreterin der Großmutter gelöst wirkt und liebevoll auf M schaut. Beide umarmen sich noch einmal sehr inniglich. Auch die Klientin hat bei der Begegnung von den Stellvertreterinnen ihrer Mutter und ihrer Großmutter stark weinen müssen. Es scheint, als hätte sich in ihr ein jahrelang aufgestauter Schmerz gelöst und sei ihr damit möglich geworden, sich innerlich auf ihre Muter zuzubewegen. Sie tritt jetzt an die Stelle ihrer Stellvertreterin und geht selber auf die Stellvertreter ihrer Kinder zu. Bei dem Sohn haben sich die geballten Fäuste gelöst, und er hat einen sehr entspannten Gesichtsausdruck. Die Tochter hat leicht feuchte Augen und lässt ein leichtes Lächeln erkennen, als sich die Klientin ihnen nähert. Alle drei umarmen und halten sich für eine kurze Weile. Jetzt kann die Liebe zwischen der Klientin und ihren Kindern, ihrer Mutter und ihrer Großmutter wieder fließen. Die Klientin kann diesen transformierenden Prozess in ihr Bewusstsein eintreten lassen und die Bilder der Versöhnung in ihr Herz und ihre Seele aufnehmen. In dem Maße wie die Klientin sich innerlich und im Verhalten ihren Kindern gegenüber verändern wird, werden auch die Kinder und andere Familienmitglieder sowie das seelische Feld der ganzen Familie auf diesen veränderten und befreiten Fluss der Liebe und das geweitete Bewusstsein reagieren.  

Im Allgemeinen helfen ein solches Erkennen und Bewusstmachen sowie die Transformierung den Betroffenen, sich aus einer blockierten Liebe und einer gewissen Blindheit zu befreien. Zum Anderen können das Ausdrücken von Schmerz, die Anerkennung und die Achtung Wunder bewirken, um die ursprüngliche Zugehörigkeit wieder mit Liebe zu beleben. Wer beispielsweise seinen Vater und seine Mutter ehrt, ehrt damit auch sich selbst, weil man die Eltern ja in sich trägt. Es geht dabei weniger um unkritischen Gehorsam, als mehr um die Achtung und das Erweisen der Ehre den Eltern gegenüber. Dieser Handlung, die auf Demut beruht, geht eine Öffnung im Herzen voraus, die sowohl die Stellvertreter in einer Aufstellung, als auch der Betroffene selber als befreiend, lösend und aufbauend empfinden. Auf diese Weise behalten die Eltern einen Platz im Herzen des Kindes und umgekehrt, und der Segen der Eltern, also ihr Wohlwollen, wird dem Kind zuteil. So bleibt der Fluss der Liebe zwischen Eltern und Kindern bestehen, bzw. wird wieder möglich, und die Kinder erhalten die Freiheit und mit der Liebe der Eltern auch das Rüstzeug, ihren eigenen Weg zu gehen und ihr Leben auf eigene Weise zu gestalten. 

Das kollektive Gewissen – ist ein unbewusster gemeinschaftlicher Sinn, der über die Vollständigkeit der Gruppe wacht und diese erhalten will. Anders als beim persönlichen Gewissen, ist das kollektive Gewissen nicht unmittelbar mit einem Gefühl verbunden. Die Auswirkungen des kollektiven Gewissens sind aber sehr wohl erfahrbar. Das kollektive Gewissen ist vom Gefühl her unbewusst, weil im Gefühl fast ausschließlich das persönliche Gewissen wahrgenommen wird. Dennoch dominiert die Wirkung des kollektiven Gewissens die des persönlichen Gewissens. Das kollektive Gewissen betrifft die Gruppe in der Beziehung als Ganzes im Verhältnis zum Einzelnen, während das persönliche Gewissen die Beziehung des Einzelnen im Verhältnis zur Gruppe betrifft. Das kollektive Gewissen hat daher einen wesentlich größeren Wirkungsradius als das persönliche Gewissen. In der Auswirkung des kollektiven Gewissens kann es leicht vorkommen, dass ein Einzelner zum Wohl der ganzen Gruppe geopfert wird, weil für das kollektive Gewissen das Interesse des Einzelnen keine Rolle spielt. Das kollektive Gewissen ist dabei amoralisch, es unterscheidet also nicht zwischen Gut und Böse und auch nicht zwischen Schuldig und Unschuldig. Es schützt alle auf die gleiche Weise und will die Zugehörigkeit wieder herstellen, wenn ihnen diese verweigert wurde. Wenn einem Familienmitglied das Recht auf Zugehörigkeit verweigert wird, dem also eine Bewegung des persönlichen Gewissens zugrunde liegt, holt das kollektive Gewissen den Ausgeschlossenen wieder in die Gruppe zurück, indem ein anderes Mitglied innerhalb der Familie das ausgeschlossene Mitglied vertritt, ohne dass ihm dies bewusst wird. Auch beim Tod, bei dem man das physische Leben verliert, bleibt das Recht auf Zugehörigkeit zur Familie erhalten. Zur Familie gehören also sowohl die Lebenden als auch die Toten. 

Dem kollektiven Gewissen liegt eine Ordnung zugrunde, die das Leben in der Gruppe regelt. (siehe Kap. „Die Ordnungen der Liebe“) Zum Einen hat jeder das gleiche Recht auf Zugehörigkeit, zum Anderen hat der Ältere Vorrang vor dem Jüngeren. Sobald diese Ordnung verletzt wird, agiert das kollektive Gewissen, um die Vollständigkeit der Gruppe und die Rangordnung innerhalb der Gruppe wieder herzustellen. Eine Verletzung dieser Grundordnung kommt immer durch Bewegungen des persönlichen Gewissens zustande. Das  bedeutet, dass das persönliche und das kollektive Gewissen immer gleichzeitig agieren.  Dieser Zusammenhang soll anhand eines Beispiels verdeutlicht werden.

In einer Familie mit zwei Kindern kommt es zwischen den Eltern zur Trennung. Der Mann, ein sehr guter Tennisspieler und die Frau haben immer viel gestritten, außerdem hatte der Mann eine Affäre mit einer anderen Frau, aus der neue Kinder entstanden sind. Daraufhin hat die Frau entschieden, sich von ihrem Mann zu trennen und den Mann aufgefordert, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen, um mit ihren Kindern dort alleine ohne den Mann weiterzuleben. Der Mann wird also aus der Familie ausgeschlossen. Die Frau verachtet den Mann und beeinflusst darin auch die Kinder. Aus Liebe zur Mutter und um die Zugehörigkeit zu ihr nicht zu gefährden, fangen auch die Kinder an, sich vom Vater abzuwenden. Dies ist allerdings eine Reaktion des persönlichen Gewissens der Kinder. Im weiteren Verlauf bekommt die Tochter der Familie selber Kinder. Eines der Enkelkinder ähnelt später in seinem Wesen dem Wesen des Jahre zuvor ausgeschlossenen Großvaters und ist auch ein talentierter Tennisspieler. Außerdem hat dieses Enkelkind ein schwieriges Verhältnis zur Großmutter, also der Frau, die ihren Mann damals ausgeschlossen hatte. Die beiden streiten oft, und die Großmutter kann keine liebevolle Beziehung mit diesem Enkelkind aufbauen. In diesem Fall hat das kollektive Gewissen dafür gesorgt, dass aus der nachfolgenden Generation ein Familienmitglied den ausgeschlossenen Mann vertritt, um damit die Vollständigkeit der Familie zu wahren. Dabei wird jedoch die ursprüngliche Rangordnung verletzt, weil sich das Enkelkind sinnbildlich gesprochen den Platz des Großvaters einnimmt. Der Stellvertreter tut dies ganz unbewusst. In seinem schlechten Verhältnis zur Stellvertreterin der Großmutter äußert sich die Tatsache, dass das Enkelkind die Rolle seines Großvaters übernommen hat. So wie der Großvater damals mit seiner Frau gestritten hat, streitet auch jetzt sein Stellvertreter, das Enkelkind, mit der selben Frau. Scheinbar paradoxerweise möchte dieses Enkelkind aber sehr oft die Großmutter besuchen. Es sucht ihre Nähe, weil es aus dem persönlichen Gewissen heraus die Zuständigkeit zu seiner Großmutter nicht gefährden möchte. Dennoch hat das kollektive Gewissen ihn gewissermaßen als Opfer herangezogen, um den ausgeschlossenen Großvater wieder in die Familie zu integrieren. Obwohl das Enkelkind und die Großmutter unter ihrem schlechtem Verhältnis leiden, weil sie oft streiten, hat das kollektive Gewissen die Grundordnung der Familie durchgesetzt. 

Zu einer Lösung kann es hierbei nur kommen, wenn die Frau und die Kinder des ausgeschlossenen Mannes in ihrem Herzen einen Platz für den Mann frei machen und ihn als Mann und Vater wieder achten. Auf diese Weise wird er in seiner Rolle gewürdigt und sein Platz in der Familie wieder hergestellt. Dadurch wird das Enkelkind von seiner Rolle befreit, den Großvater vertreten zu müssen und kann wieder seinen ursprünglichen Platz als Enkelkind einnehmen. Außerdem ist es wahrscheinlich, dass sich das Verhältnis zwischen Großmutter und Enkelkind deutlich verbessern wird, weil sie sich jetzt in ihrem ursprünglichen Verhältnis zwischen Enkelkind und Großmutter begegnen können.  

Bei der Betrachtung des kollektiven Gewissens soll auch die Problematik von abgegangenen und abgetriebenen Kindern erwähnt werden, weil diese ein wichtiges Thema darstellen. Auch die nicht geborenen Kinder gehören zu der Familie dazu, wozu auch tot geborene Kinder gehören. Das kollektive Gewissen sorgt dafür, dass sie ihren Platz in der Familie behalten. Sehr oft passiert im realen Leben das Gegenteil, weil abgetriebene oder abgegangene Kinder nicht als gleichwertige Familienmitglieder anerkannt und geachtet werden.  Dadurch wird die Ordnung im Familiensystem gestört. Zum Einen wird das abgetriebene Kind aus dem Familiensystem ausgeschlossen, zum Anderen wird die Rangordnung missachtet, weil ein nachfolgendes Kind den ursprünglichen Platz einnimmt, der dem abgetriebenen Kind zusteht. Das kollektive Gewissen wird dafür sorgen, dass ein Nachfolger das abgetriebene Kind vertritt. Außerdem wir das kollektive Gewissen für die Verletzung der Rangordnung einen Ausgleich suchen, um die ursprüngliche Ordnung wieder herzustellen.

Besondere Schwere liegt auf gewollten Abtreibungen. Die Eltern schließen das ungeborene Kind bewusst aus und laden damit große Schuld auf sich, die dann gesühnt wird. Diese Schuld entsteht im persönlichen Gewissen. Dahinter steht der unbewusste Satz: Du für mich. Der Augleich von Geben und Nehmen führt dazu, dass der Ausschluss bzw. Tod des ungeborenen Kindes mit Scheitern, Unglück oder Tod gesühnt wird.

Das spirituelle Gewissen – Das spirituelle bzw. geistige Gewissen hat den größten Wirkungsradius. Es schließt niemanden aus, sondern alle ein. Es ist erfahrbar als eine Bewegung des Einklangs und der Zustimmung, die dem Leben und der Liebe ganz zugewandt ist. Das geistige Gewissen strebt eine Stille und einen Frieden an, in dem alle ohne Unterschied sein dürfen. Es geht auch hier um eine gewisse Zugehörigkeit, eine Zugehörigkeit die aber nicht unterscheidet. Alles ist gleich gültig, gleichwertig und gleichzeitig. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind eine Bewegung, und die unterschiedlichen Bewusstsein vereinen sich zu einem Bewusstsein, in dem es keine Unterscheidung gibt.

Das spirituelle Gewissen ist ein uns innewohnender geistiger Wahrnehmungssinn, der uns in die universelle Liebe und in den Einklang mit Allem und Allen zum Licht führt. Es ist jener Ort der geistigen Stille und völligen Offenheit, in dem Mann Gott begegnet bzw. spürt, von Seiner schöpferischen Bewegung getragen und geführt zu sein, mit Ihm eins zu sein. An diesem Ort fühlt man die Vollkommenheit des Alleinseins, bzw. das Alles-in-Eins-Sein, die unmittelbare Verbindung mit der universellen Energie, in der jegliche Polarität aufgehoben ist und das Leben in den Tod, in das Leben fließt, ohne Bewertung., ohne Trennung, sondern ganz in der Fülle. Das geistige Gewissen ist sich insofern vollkommen gewiss. Sich bewusst von ihm führen zu lassen, bzw. der Bewegung des Geistes zu folgen, setzt schöpferisches Potenzial frei und realisiert es. Besonders darin zeigt sich Bert Hellingers Genialität, der sich eben des geistigen Gewissens bewusst geworden ist und gelernt hat und lehrt, sich diesem voll und ganz auszusetzen. Er ist sich des spirituellen Gewissens ganz gewiss und erreicht somit tiefe Einsichten in das schöpferische Wesen und das Wirken der universellen Liebe, die auch als göttliche Kraft oder göttliche Liebe bezeichnet werden kann. Dennoch bleibt er bei dieser großen Leistung im Dienste des Lebens, der Liebe und des Friedens in vollkommener Demut. Nur in dieser Haltung kann es gelingen, sich von der Bewegung des geistigen Gewissens erfassen zu lassen. Somit führt Bert Hellinger zum Licht, was jedoch nicht bedeutet, dass es das Licht ist. So heilt er nicht wirklich, sondern führt hin an den Ort, wo Heilung geschieht, weil Menschen sich dort ganz der Mutter, dem Leben, der Liebe und der Fülle zuwenden. Sie erkennen, erfasst von der Bewegung des spirituellen Gewissens, dass sie in Wahrheit nie getrennt waren, sondern die Trennung von der Liebe und von Gott nur eine Illusion war, der sie für eine Zeit lang erlegen waren. Da in dieser Bewegung die Zeit aufgehoben ist, weil sie genau genommen keine wirkliche schöpferische Existenz hat, sondern in Wahrheit nur als Lernhilfe dient, dämmert die Einsicht  bzw. die Erkenntnis, das alle und alles eins und niemals getrennt sind.

Auch in den Familienaufstellungen wirkt das geistige Gewissen fortwährend, weil die Aufstellungsarbeit nur durch das Wirken des spirituellen Gewissens entstehen konnte und funktionieren kann. Zunächst setzt sich der Aufstellungsleiter bewusst der Bewegung des geistigen Gewissens aus (siehe Kap. „Die Rolle des Aufstellungsleiters“). In seiner Wahrnehmung, die allem in der gleichen Weise zugewandt ist, erzeugt bzw. weitet er das gegebene Bewusstseinsfeld, in dem Stellvertreter und Betroffene Einsichten zu ihren verschiedenen Beziehungen gewinnen. Diese Einsichten ermöglichen das geistige Erwachen und die bewusste Hinwendung zum Leben und zur Liebe. Die Bewegung des geistigen Gewissens kann somit erfahren, bzw. erinnert und ins Bewusstsein zurückgerufen werden. Das wird an verschiedenen Stellen erfahren, beispielsweise, wenn es einem Kind schließlich gelingt, auf die eigene Mutter zuzugehen und sich Mutter und Kind bewusst werden bzw. erinnern, schon immer in vollkommener Liebe miteinander und als Teil der Schöpfung mit allem verbunden gewesen zu sein. Ebenso kann die Bewegung des geistigen Gewissens erfahren werden, wenn ein Täter und ein Opfer erkennen, dass sie genau genommen eine tiefe Verbindung der Liebe eingegangen sind, wobei der anfängliche Ausschluss des Täters aufgehoben und erkannt bzw. erfahren wird, dass jedwede Tat niemals wirklich die untrennbare Verbindung zwischen dem Schöpfer und Seinen Geschöpfen aufheben konnte, kann und können wird. Einfacher ausgedrückt wirkt das geistige Gewissen auch in demjenigen, der bewusst zu sich, Allen und Allem schlicht ja sagen kann.


[1] Brief an die Römer, Kap. 7, Verse 8-9

[2] 2. Buch Mose, Kap. 20, Vers 12

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